Latexfarbe und Kunstoffe im Haus lassen die Bewohner erkranken
Leben in der Plastiktüte
von Rüdiger Wenzel aus Lübecker Nachrichten 19.01.1999
Hohe Schadstoffwerte in der Zimmerluft plagen gerade jetzt viele Menschen, machen sie oft krank. Ständige Schniefnase oder trockene Schleimhäute, Kopf- und Augenschmerzen sind Folgen des Miefs. Die Ursachen der dicken Luft in der Wohnung haben die Bewohner oft selbst geschaffen: Durch die Verwendung falscher Materialien in der Wohnung, aber auch durch unzureichendes Lüften der immer perfekter isolierten Räume.
Diese Erfahrung hat Ingenieur Klaus-Peter Böge von der Ambulanz für Gesundheit und Umwelt in Lübeck in den vergangenen zehn Jahren gernacht - und jetzt zusammengefaßt in einem interessanten Merkblatt. Er gibt viele Tips, was zu tun ist. um sich in der Wohnung wohlzufühlen und gesund zu bleiben. Das Papier ist noch nicht perfekt ausformuliert, man kann es aber schon anfordern (Adresse am Ende).
Der Mensch hat sich im Laufe vieler Millionen Jahre daran angepaßt, in der sauerstoffreichen Luft der freien Natur zu leben, schreibt Böge. Seit ein paar hundert Jahren erst wird er die meiste Zeit seines Lebens in enge Wohn und Arbeitsräume eingezwängt. Und die sind immer perfekter von der freien Natur abgeschirmt und der Zufuhr frischer Luft abgeschnitten: Zwecks Wärmedämmung sowie Wetter-, Bau- und Schallschutz.
Die Folge ist sauerstoffarme, kohlendioxid- und schadstoffreiche Zimmerluft, die Kopfschmerzen und viele andere Beschwerden verursacht. Wenn dann auch noch der Fußboden mit Kunstharz versiegelt, die Wand mit Latexfarbe oder kunststoffkaschierter Tapete "verschönt" und abgedichtet, die Decke mit folienbezogenen Paneelen vernagelt ist, dann kommen die Beschwerden, schreibt Böge. "Die Menschen haben Kopfschmerzen, Allergien und Atemwegsprobleme. Sie schwitzen viel und schlafen schlecht. Sie fühlen sich eben so, wie man sich in einer Plastiktüte fühlt."
Recht zuverlässiger Hinweis auf eine hohe Schadstoffbelastung sei das Empfinden, "die Luft ist so trokken". Dabei sei das oft gar nicht der Fall. Böge warnt deshalb vor Luftbefeuchtern: Sie seien nur als Brutstellen von Bakterien und Schimmelpilzen effektiv.
Das beste Mittel gegen den Mief ist ein intensiver Austausch der Luft: Alle zwei Stunden sollte die verbrauchte, schadstoffhaltige Luft durch saubere Frischluft von außen ersetzt werden. Das geht am besten durch Stoßlüften: Heizung aus und Fenster weit aufmachen, wo möglich für Durchzug sorgen. Bequemer sind Fenster mit eingebauter Lüftung oder durchbrochener Dichtleiste, damit ständig verbrauchte Luft raus- und Frischluft reinkann. Das regelmäßige Lüften ist besonders wichtig, wenn man bei der Wahl von Teppichboden, Wandfarbe, Tapeten und Deckenverkleidungen nicht auf schadstoffarmes Material geachtet hat. Dann ist die höhere Heizungsrechnung halt der Preis für mehr Wohlbefinden. Die Giftquellen 'rauszureißen, wäre natürlich effektiver - aber zumindest kurzfristig kann diese Alternative unerschwinglich sein.
Das Info-Blatt "Wohlfühlen - richtig lüften - Schimmel vermeiden" kann man kostenlos anfordern bei: Böge - Ambulanz für Gesundheit und Umwelt, Wesloer Str. 112. 23556 Lübeck, Tel.: 0451-691210, Fax: 0451-61 97 320.
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Feb. 1998
Umweltmedizin in Schleswig-Holstein: Wissenschaftliche Auswertung dokumentiert Erfolg der Mobilen Umweltambulanz
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nahm im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein 1793 Fälle möglicher Wohngift-Belastungen unter die Lupe.
Kiel - Das falsche Holzschutzmittel für die Profilhölzer In der Wohnstube oder der verkehrte Teppichboden im Arbeitsraum können krank machen. Messungen der Mobilen Umweltambulanz Schleswig-Holstein haben ergeben, daß in 71 Prozent der Untersuchungen von Innenräumen Wohngifte nachgewiesen wurden, die einen wahrscheinlichen oder möglichen Zusammenhang mit Erkrankungen ergaben bzw. zur Abwehr von möglichen Gesundheitsgefahren führten. Das geht aus der jetzt vorliegenden wissenschaftlichen Auswertung von 1793 untersuchten Fällen durch das Institut für Toxikologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hervor. Eine solch umfangreiche und begründete Auswertung von Daten aus diesem Bereich der Umweltmedizin hatte es bisher nicht gegeben. Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein sieht dadurch erneut ihre bundesweite positive Vorreiterrolle bestätigt.
Die Umweltambulanz Schleswig-Holstein ist vor vier Jahren auf Initiative der Kassenärztlichen Vereiniung des nördlichsten Bundeslandes gegründet worden. Auslöser für die Aktivitäten gemeinsam mit dem Lübecker Umwelt-Ingenieurbüro Böge war die Erfahrung, daß zunehmend Patienten in Arztpraxen untersucht und behandelt werden müssen, die offensichtlich unter den Folgen von Wohngiften leiden. Die Umweltambulanz wird auf Ratschlag behandelnder Ärzte oder Ärztinnen aktiv. Krankenkassen übernehmen in vielen Fällen die Kosten für einen ersten "Check" der verdächtigen Räume. Erscheint es ratsam, messen die Fachleute der Umweltambulanz auf Wunsch Luftwerte, nehmen Materialproben, gehen z. B. gefährlichem Pilzbefall nach.
Die Arbeit der Umweltambulanz Schleswig-Holstein war sehr schnell so erfolgreich, daß die modellhafte Einrichtung kurzfristig von der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg und von den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) in Niedersachsen übernommen wurde. Mittlerweile gibt es bundesweit Umweltambulanzen, die bei Krankenkassen und Patienten anerkannt sind. Die Vorteile liegen - auch aus finanziellen Gründen - auf der Hand. Werden gesundheitsgefährdende Ursachen rechtzeitig erkannt und beseitigt, fallen Kosten für eine langwierige ärztliche Behandlung weg. Dipl.-ing. Klaus-Peter Böge: "Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein und (mehrere Krankenkassen haben bereits früh erkannt, daß sich die Investition in die exakte Raumuntersuchung rechnet, da sonst zu befürchtende Folgekosten für eine verspätete ärztliche Behandlung eingespart werden." Durch die Aktivitäten der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein ist die Umweltmedizin intensiv vorangetrieben worden. Rund 200 Ärzte wurden in diesem speziellen Fachgebiet ausgebildet. Mediziner und Meßingenieure arbeiten eng verzahnt zusammen zum Nutzen von Patientinnen und Patienten. Damit hat sich die Umweltmedizin in Schleswig-Holstein zu einem Vorbild für das gesamte Bundesgebiet entwickelt.
Mittlerweile hat die Umweltambulanz Deutschland in rund 6000 Fällen Schadstoffmeßwerte aus Innenräumen dokumentiert. Die Experten befragen zum einen die Betroffenen nach ihren Beschwerden, zum anderen werden zielgerichtet Schadstoffmessungen in Innenräumen vorgenommen, um mögliche Wohngift-Quellen aufzuspüren. Böge: "Dabei konzentrieren wir uns vor allem auf Formaldehyd, Holzschutzmittel, Pyrethroide (z. B. als Textilschutz in Teppichböden), Lösemittel, Pilze und Bakterien." Mit ihren Messungen nach einem festen Raster und der anschließenden Beratung liefert die Umweltambulanz damit eine optimale Ursachenermittlung und wertvolle Erkenntnisse für Diagnose, Heilbehandlung und gesundheitsverträgliche Lebensraumgestaltung.
"Mit der wissenschaftlichen Auswertung von allein 1793 Fällen der Umweltambulanz Schleswig-Holstein aus dem Zeitraum Juli 1993 bis Dezember 1995 machen wir einen weiteren wichtigen Schritt, um die Einflüsse auf die Gesundheit des Menschen im Wohn- und Arbeitsbereich besser beurteilen zu können", sagt Dr. med. Michael Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein. "Gerade für Mediziner gibt die Dokumentation interessante Hinweise, bei der Diagnose verstärkt das Augenmerk auf diesen Bereich zu richten. Nicht zuletzt unter folgendem Gesichtspunkt: Wer rechtzeitig handelt, senkt Kosten." Aber auch Patienten könnten durch Hinweise auf die Dokumentation ihrem behandelnden Arzt oder ihrer behandelnden Ärztin vielleicht auf die richtige Spur bei der Ursachenforschung bei einer Erkrankunghelfen.
Die Beschwerden, die von den Betroffenen am häufigsten genannt wurden, waren z. B. Atemwegserkrankungen, Müdigkeit, Augenreizungen, Kopfschmerzen, Allergien, Infektanfälligkeit und Schmerzen in Knochen, Muskeln und/oder Gelenken.
Die 12seitige Dokumentation "Auswertung von 1793 dokumentierten Fällen der Mobilen Umweltambulanz" kann bei der Umweltambulanz Schleswig-Holstein, Wesloer Straße 112, 23568 Lübeck, Telefon 0451/691210, kostenlos angefordert werden.
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